Der Verlust der Wichtigkeit
Das Prinzip des Erwachens ist der Verlust der Wichtigkeit.
Die Logik des Erwachens lautet wie folgt:
1. Warum sollte ich denn erwachen? Ist es schlafend denn so schlimm?
Wer das Leid satt hat, die Angst nicht mehr erträgt, nicht mehr von Wut getrieben werden will; derjenige sucht nach einem Weg der Befreiung dieser so “lästigen” Gefühle.
Dieser Beginn der Suche nach Tiefe, Qualität erfordert jedoch eine gewisse Reife bzw. Sättigung. Die Sättigung wird schnell erreicht, wenn man gewisse Formen(Glück, Beruf, Liebe, Geld, Auto etc…) als das erkennt, was sie sind: Äußere Veränderungen, die rein gar nichts bewirken können. Keine Macht haben, außer, das man sich ein wenig an ihnen erfreuen kann. Meistens ist das nur Ablenkung, denn ein stetig währendes Unglück zwingt die Menschen zur Suche.
Menschen, die diese Sackgasse erkannt haben gelangen dann irgendwann zu dem Punkt, die Suche nach dem Glück in die entgegengesetzte Richtung zu probieren. Im Westen drängt man nach Außen. Im Osten nach Innen. Also wird der innere Weg angegangen. Eine noch völlig unerforschte Sache. Meist geht diese Erforschung des Inneren mit der Einsicht einher, dass wahres Glück/Zufriedenheit unabhängig von einem Ereignis sein muss.
Der “amerikanische” Weg läuft - ganz wie in “The Secret” oder “What the bleep…” - auf die Theorie hinaus: “Wenn die Welt da draußen so schrecklich ist und du so sehr darunter leidest, dann verändere sie durch deine Gedanken. Das nennt sich das Gesetz der Anziehung.” Aber das müsste man einem Hartz-IV Empfänger sagen, der einfach nicht weiß, wie er sich etwas wünschen soll. Und seltsamerweise sind die Vertreter dieser “Philosophie” so erfolgreich, dass sie als Vorzeige Modelle für die ängstlichen und Verunsicherten Menschen dienen.
Es entsteht eine Gegenseite Wechselbeziehung, die sich gegenseitig nährt. Die Konsumenten kaufen und sorgen quasi selbst für die Bestätigung, dass diese Philosophie wirkt. Denn sie sorgen für den Reichtum der Vertreter dieser Philosophie.
Diese ganze Richtung führt dahin, indem sie sagt: Du musst deinen Kern finden. Du musst mit Gott verschmelzen. Dann wird alles in deinem Leben auf wunderbare weise zum Himmel werden. Der Alltag, alle Probleme werden göttlich transzendiert und der Mensch erreicht Siddhi-Fähigkeiten(Übernatürliche Fähigkeiten) und somit vollständige Unabhängigkeit. Und solange das nicht Eintritt, bist du noch nicht bewusst genug, noch nicht entwickelt genug. Deine Seele ist zu jung.
Und dieser Ehrgeiz führt ebenso zu Leid, denn die angestrebten Objekte/Formen/Zustände sind immer noch da, nur scheinbar heiliger als die weltlichen Ziele.
2. Aber was ist überhaupt Leid?
Eine sehr starke Definition, die in sich auch vollständig ist, ist folgende:
Der Unterschied zwischen dem was ist und dem, wie es sein soll. Also der Unterschied des persönlichen “SOLL-IST” Zustands.
Anhand dieser Definition lassen sich auch die Lösungsstrategien nachzeichnen. Es gibt auch nur 2 Möglichkeiten das Leid zu bewältigen:
1) Die Kontrolle des IST Zustands
2) Die Aufgabe des persönlichen SOLL
Die Kontrolle des IST Zustands ist offensichtlich die Fata-Morgana, der Horizont, dem man sich nie annähern kann. Denn das wäre der Versuch sich der Vergänglichkeit entgegenzustellen. Leben an sich ist ständige Veränderung. Ein Werden und Vergehen. Und der Mensch ist ständig dabei, sich von Ziel zu Ziel zu hangeln und alles was erreicht wurde, zu konservieren. Kaum ist eine Gegebenheit, so wie sie sein SOLL, schon gibt es eine andere Baustelle, die nach dem “Bauherren” schreit. Wie man sehen kann, eine Sisyphusarbeit.
Das, was übrig bleibt ist die Aufgabe des persönlichen SOLL. Was ist dieses SOLL eigentlich? Offensichtlich steht es der Leidlosigkeit im Weg. Was soll das? Was ist die Natur des SOLL?
Das SOLL besteht aus Werten, Idealen, Prinzipien, Vorstellungen. All die Dinge, die Wichtig sind und erreicht werden wollen. Klar, sonst wären sie nicht wichtig. Nur, was ist die Substanz von “Wichtigkeit”? Woraus besteht sie?
3.Das Konzept der “Wichtigkeit” ist der Schritt der Abtrennung in die Abhängigkeit.
z.B.:”Es ist wichtig einen guten Job zu haben, dann kann ich mir all die Dinge leisten und alle meine Freunde würden zu mir aufschauen” oder noch subtiler “Es ist wichtig glücklich zu sein, denn wenn ich nicht glücklich wäre, dann wäre das ja schlimm. Dann wäre ich richtig traurig. Ich würde es nicht lange aushalten(!!)”
Man würde es ohne die Wichtigkeit nicht aushalten. Was passiert dann? Das ist der Punkt, der der Mensch so fürchtet. Genau diese Angst, Unglück nicht aushalten zu können gibt der Wichtigkeit ihre Substanz. Wichtigkeit ist wie das rettende Ufer, der trockene Unterstand während dem Gewitter, die einen vor den bedrohlichen Objekten bewahrt.
Der trickreiche Teil ist zu erkennen, dass diese Bedrohung durch diese Objekte reine Illusion ist. Denn wen bedrohen diese Objekte? Was könnten sie zerstören? Die eigene Wunschvorstellung der eigenen Identität ist das einzige, was zerstört werden kann. Die Identität ist es also, die gesichert werden will. Sie scheint der Reibungspunkt zu sein, an der das Leid entsteht. Alles Leid entsteht durch die Abwehr der Identitätsvorstellung - auch Ego genannt, was ja die Summe aller Konzepte,Ideale,Prinzipien ist - gegenüber der Realität.
Insbesondere ist auch die Vorstellung von Besitz bei genauer Betrachtung haltlos. Besitz an sich ist immer ein Objekt und meist so wichtig, dass bei Verlust Ängste auftreten. Die Strebtendenz des Menschen sorgt jedoch für die ständige Besitzakkumulation und erschaft sich immer mehr Leidpotenzial. Aber Besitz ist eine rein ideelle Vorstellung. Der Beweis für den Besitz ist ein Dokument und für die Aufrechterhaltung der Besitzverhältnisse wird polizeirechtlich gesorgt. So entsteht diese Grenze von eigenem und fremdem Besitz, die an sich gar nicht existiert. Nicht einmal die eigenen Kleider am Leib befinden sich im eigenen Besitz. Der Mensch wird nackt geboren und borgt in der Welt Objekte um in genau der Welt “besser” leben zu können. Mit dem Tod, werden die Dinge wieder zurückgegeben. Alles ist nur Leihbasis. Der Mensch hat noch nie was gehabt/besessen. Nun woher kommen dann die Verlustängste?
Die Aufrechterhaltung, insbesondere die ständige Neuprofilierung des Egos/Der erwünschten Identität bedeutet Leid. Es ist auch anstrengend, ständig vor den Ängsten weg zu laufen. Erst mit der Entspannung tritt der Friede ein, der all die Schleusen öffnen kann. Aber dieses Ego hat auch zugleich Existenzängste / Verlustängste. Denn ohne Kontrolle wäre alles außer Kontrolle. Und wenn alles außer Kontrolle ist, dann ist das Leben. Leben an sich. Sein an sich. Veränderung an sich ohne ein Ego, das daran leiden könnte.
4.Dann geschieht etwas Wunderbares.
Alles was wichtig ist, wird aufgegeben. Denn die Erkenntnis, das alles was für wichtig befunden wurde nicht das gewünschte Gefühl von Tiefe auslöste, die Sehnsucht nicht ausgefüllt hat, lässt einem keinen Ausweg. Es gibt kein Weg mehr, der es wert wäre gegangen zu werden. Alles erscheint sinnlos. Anfangs mündet so was gerne in Depression oder Verzweiflung. Alles ist eine Lüge. Die Gesellschaft ein gebrochenes Versprechen. Was bleibt? Was bleibt ist die Angst. Die direkte Konfrontation mit der Angst, die den Menschen den Antrieb lieferte ist wie der letzte Schritt vor dem Abgrund. Der Abgrund in eine nicht absehbare Leere. Die Angst vor dieser Leere, vor diesem Nichts führt Menschen auch zu Drogen, Alkohol, übertriebenem Sport, übertriebenem Konsum (Medien, Essen, alles mögliche). Ständige Ablenkung - nur gibt es keine “Heilsideale” mehr. Keine Ziele, die einen - aber diesmal wirklich - vollständig glücklich machen.
Aber die direkte Konfrontation mit der Angst ist aber nur noch eine Frage der Zeit. Und wenn die Angst dann eintritt man sie aushält, einfach die Abwehr aufgibt dann passiert es. Da Wichtigkeit aufgelöst wurde, da sie als sinnlos erkannt wurde, hat der Verstand auch Nichts mehr zum Nachdenken. Keine Agenda, keine Kanten mehr, nichts Wichtiges mehr. Dann gibt der Verstand Ruhe. Dann erkennt man den Verstand als das, was er immer war. VIEL ZU WICHTIG. Der Verstand war das, was gezählt hatte. Hat der Verstand beurteilt, galt das Urteil auch. Aber wenn der Verstand Ruhe gibt ist es die glückliche Erleichterung überhaupt. Jedes Konzept von Ich ist verschwunden. Der Verstand wird zum Werkzeug. Alles was bleibt ist der Moment. Alles wurde aufgegeben und das einzige was bleibt ist genau dieser Moment.
Wenn dieses Ich verschwunden ist bzw. die Vorstellung, “Ich sei wichtig für diesen Moment”, dann entdeckt man eine ganz neue Seinsqualität. Alles ist Okay so wie es ist. Es gibt keinen mehr, der darüber urteilt, denn genau das ständige Urteilen hat den Menschen davon abgehalten, einfach den Moment zu genießen. Immer war der Moment nicht liebenswert genug und jetzt scheint alles wie verwandelt zu sein. Zum ersten mal begreift man was Liebe ist. Zum ersten mal begreift man, das menschliche Drama in seiner Komik. Vielleicht erhascht man auch einen Eindruck von “höheren” Wirklichkeiten, vielleicht von Gott. Gott der ständige Versteckspieler, der so trickreich und perfekt vor der Nase tanzt und dennoch nicht erkannt wird.
Deidentifikation hat stattgefunden. Non-duales Bewusstsein hat eingesetzt. Dieser Moment-Genuss führt unweigerlich zur Erkenntnis, dass man nur das sein kann, was Bewusstsein ist. Ohne dieses Bewusstsein - ohne dieses Zeugesein - gäbe es nichts. Das Bewusstsein ist das Zentrum, um das sich alles dreht. Und alles was geschieht ist wie ein Wunder. Leben-Energie, alles was ist, in diesem Moment ist ein Wunder. Es geschieht einfach. Eine Aus-sich-Selbst-Entfaltung. So erkennt man auch, das Bewusstsein das einzige ist, was existieren kann. Ohne Bewusstsein gäbe es keine Existenz. Existenz wäre von Bewusstsein abhängig also existiert nur Bewusstsein. So erkennt man sich selbst im Anderen. Und wie könnte man sich selbst je böse sein, sollte etwas “Schlimmes” passieren? Alles ist dieses Bewusstsein. Bewusstsein kann nur die Abwesenheit von Allem sein. Denn wenn Bewusstsein etwas wäre, dann gäbe es ein kleineres Etwas, was für das Bewusstsein nicht mehr erfahrbar wäre. Bewusstsein ist wie ein unbeschriebenes Blatt Papier - sogar unendlich viele ;D.
Also wenn das wahre Selbst Bewusstsein ist, dann ist folglich die ganze Logik des Erwachens ein sehr interessanter Aspekt der Trennung. (Siehe Erkenntnisse -> Das göttliche Prinzip von Trennung). Sie läuft von alleine. Alles strebt nur der Selbsterkenntnis des Nichts hinterher. Alle wollen sein, was sie eigentlich sind. Und so ist non-duales “Bewusstsein” der natürlichste Zustand. Glück/Liebe - was auch immer - sind der natürliche Zustand. Dabei ist das einfach nur die Wahrheit der Nicht-Trennung, der Einheit, die der unglückliche Mensch eben als Glück beurteilt. Deswegen liegt im Nichts-Tun, in der Aufgabe, der natürliche Schritt zur Einheit, zur Entspannung, zum Nichts.
Bitte warten ...
nur wenige sind auf dem Weg!
norbert - 16. Oktober 2009 um 00:46 Uhr